Tuttolomondo · Weingeschichte des Monats
Der Weiße, den keiner kommen sah
Cervaro della Sala 2024 – Antinori, Umbrien

Wir reden viel über rote Weine. Das liegt in der Familie. Enzo öffnet abends lieber einen Barolo als einen Weißen, Davide hat im Keller mehr Nero d'Avola als er zugeben würde, und Luca – der hätte am liebsten das gesamte Piemont in Flaschen.
Aber dann gibt es diesen Wein.
Den Cervaro della Sala haben wir das erste Mal bei einer Verkostung in Frankfurt getrunken – blind. Wir wussten nicht, was im Glas war. Und dann kam dieser Moment, den jeder kennt, der Wein wirklich liebt: wenn man nichts sagt, weil man erst verstehen will, was man gerade trinkt. Wir haben alle drei geschwiegen. Das passiert nicht oft.
Eine Burg in Umbrien, ein Weinmacher mit einer Idee
Das Castello della Sala liegt in Umbrien, etwa 18 Kilometer von Orvieto entfernt – eine mittelalterliche Burg, die die Familie Antinori 1940 erworben hat. Kein typisches Terroir für große Weißweine. Keine berühmte Appellation. Keine Tradition, auf die man sich berufen konnte.
1985 vinifiziert Renzo Cotarella dort zum ersten Mal den Cervaro della Sala. Er versucht etwas, das es in Italien so nicht gibt: einen Chardonnay mit malolaktischer Gärung und Ausbau in Barriques. Etwas, das man damals nur aus dem Burgund kannte. Die Weinwelt ist skeptisch. Ein weißer Wein aus Umbrien, der es mit den Großen aus Frankreich aufnehmen will?
Bei einer Blindverkostung hält ein bekannter französischer Önologe den Cervaro für einen Bâtard-Montrachet. Er kann die Herkunft nicht bestimmen und tippt auf einen neuen Produzenten aus Burgund.
Es war der Cervaro della Sala. Jahrgang 1985. Umbrien, Italia.

Was der 2024er macht
Der Cervaro della Sala ist eine Cuvée aus Chardonnay und einem kleinen Anteil der einheimischen Rebsorte Grechetto. Die Weinberge liegen zwischen 220 und 470 Metern Höhe auf kalk- und tonreichen Böden, reich an Muschelfossilien aus dem Pliozän. Genau das ist es, was diesem Wein seine unverwechselbare Mineralität gibt – jene Feuersteinnote, die man im Glas riecht, bevor man überhaupt daran denkt.
Der 2024er öffnet sich mit Grapefruitschale und Holunderblüte, bekommt dann Tiefe durch Vanille und eben diesen Feuerstein. Am Gaumen ist er straff, präzise, mit einer lebendigen Säure, die alles zusammenhält. Geröstete Mandel, weißer Pfeffer, ein langer, langer Abgang. Kein lauter Wein. Kein Wein, der sofort alles zeigt.
Ein Wein, der sich Zeit lässt. Und dem man gerne diese Zeit gibt.
Warum genau jetzt
Weil der Mai der richtige Monat für diesen Wein ist. Nicht zu warm, nicht zu kühl. Weil die Abende jetzt lang genug sind, um einem Glas Cervaro wirklich zuzuhören. Weil er zu allem passt, was der Mai auf den Tisch bringt – gegrillter Fisch, ein Risotto mit dem ersten Spargel der Saison, oder einfach so, mit gutem Brot und guter Gesellschaft.
Und weil der 2024er jetzt gerade in dieser Phase ist, in der man ihn trinken sollte: frisch auf den Markt, voller Energie, noch alles vor sich.

Den Cervaro della Sala 2024 findet ihr jetzt in unserem Shop. Wer ihn noch nicht kennt – es wird Zeit.
Salute,
Enzo, Davide & Luca